Pfarrgemeinde Vinaders · Geschichte

St. Leonhard – die Mutterkirche des obersten Wipptals

Von hier aus wurde einst das ganze Gebiet von Stafflach bis zum Brennersee seelsorglich betreut. Dazu gehört die Filialkirche St. Jakob in Nößlach mit ihrem gotischen Flügelaltar.

1325
erste namentliche Nennung
1498
eigener Priester
1582
Beginn der Matrikenbücher
St. Leonhard in Vinaders mit Widum
St. Leonhard in Vinaders mit Widum

Das alte Seelsorgegebiet

Urpfarre war Matrei. Mit der Besiedlung im 12. und 13. Jahrhundert entstand auch die Kirche in Vinaders – genau dort, wo sich die Wege aus Obernberg, Gries und Nößlach treffen, im Herzen ihres Seelsorgegebietes. Dazu gehörten die Filialkirchen St. Nikolaus in Obernberg und St. Jakob in Nößlach, ein Friedhof und eine der Hl. Gertraud geweihte Totenkapelle mit Krypta.

Betreut wurde Vinaders von „Gesellpriestern“ aus Matrei. Nach der ältesten Gottesdienstordnung von 1382 lasen sie an zwei Sonntagen in St. Leonhard und am dritten in Obernberg die Messe und wohnten dabei im Mesnerhaus unterhalb der Kirche – dem heutigen Gasthaus Vinaders.

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts wurde Vinaders als erste Seelsorge im Wipptal von Matrei unabhängig. Danach schrumpfte das Gebiet: 1641 wurde Lueg abgetrennt, 1757 Obernberg – mit einer für Vinaders ungünstigen Grenze –, 1793 erhielt Gries ein eigenes Benefizium und 1941 wurde Gries eigenständige Pfarre.

Karte: ursprüngliche Ausdehnung der Kuratie Vinaders
Ursprüngliche Ausdehnung der Kuratie Vinaders – von Stafflach bis zum Brennersee samt Obernbergtal.
Karte: Kuratie Vinaders nach Abtrennung von Obernberg
Verkleinerung der Kuratie durch die Abtrennung von Obernberg 1757.

Die Kirche zum Hl. Leonhard

Schon das „Inntaler Steuerbuch“ von 1313 nennt einen „mesner ab dem nidern perge“. Namentlich erwähnt wird die Kirche 1325 im Rechnungsbuch des Lueger Zöllners, am 27. März 1337 in einer Urkunde über die Rodfuhr („der Mesner datz St. Lienhart“) und in der Ablassurkunde, die am 12. März 1339 in Rom ausgestellt wurde.

Einen wesentlichen Aus- und Umbau erlebte die Kirche 1488/89 – in der Blütezeit des Bergbaus, als in Obernberg Knappen und Schmelzhütten Wohlstand ins ganze Tal brachten. Es ist wohl kein Zufall, dass gerade damals Kirchenumbau, Widum, die Stiftung eines Geistlichen und ein neuer Altar für St. Jakob finanziert werden konnten. Am 14. August 1490 weihte der Brixner Weihbischof Konrad den gotischen Altar: den Hauptaltar dem Hl. Leonhard, die Seitenaltäre den Heiligen Sebastian und Johannes dem Täufer sowie Georg und Margaretha. 1730 wurde er durch einen Barockaltar ersetzt.

Das finanzielle Fundament für einen eigenen Priester legte König Maximilian I.: Während eines Jagdaufenthalts im Wipptal stiftete er am 19. September 1497 der St.-Leonhards-Kirche jährlich 5 Mark aus den Erträgen des landesfürstlichen Zolls am Lueg. Weitere Spenden kamen vom Lueger Zöllner Jörg Sprengg und vom kaiserlichen Rat Caspar Laxenvelder. Der Stiftbrief vom 19. März 1498 verpflichtete den Kaplan, täglich in Vinaders und samstags in St. Jakob die Messe zu lesen. Ab 1582 führte der Kurat eigene Matriken – sie zählen zu den ältesten in Nord- und Osttirol.

1802 · Ein unbedachter Satz

Der neue Kurat Josef Fidelis Kathrein meinte gegenüber dem Grieser Krämer Leonhard Offer, Gries passe eigentlich besser als Sitz der Kuratie. Innerhalb weniger Tage beschloss man in Vinaders, die eigene Kirche umzubauen und zu vergrößern.

Ohne Zustimmung des fürstbischöflichen Konsistoriums und ohne Plan wurden Presbyterium und Sakristei niedergerissen; als Planung genügte das Versprechen des Steinacher Maurermeisters Franz Muigg, die Kirche „so viel wie möglich der Steinacher Kirche ähnlich“ zu machen. Seither ist St. Leonhard um die Länge des heutigen Presbyteriums nach Osten verlängert. Die Rivalität mit Gries dauerte an – bis hin zur Bedingung, die Josef und Theresia Riedl 1841 an ihre Glockenspende knüpften: Die größte Glocke in Vinaders müsse größer sein als jene in Gries.

Das Bauwerk

St. Leonhard ist ein spätgotischer Bau, dessen Grundkonzept aus dem Umbau von 1489 stammt; wie viel vom ursprünglichen Bau des 13. Jahrhunderts erhalten ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Aus 1489 stammen das profilierte Spitzbogenportal und der Turm mit gemauertem Helm. Das zweijochige Langhaus trägt eine Spitzkappentonne über Wandpfeilern; durch einen rundbogigen Triumphbogen schließt der flachkuppelgewölbte Chor von 1802 an.

Turm von Vinaders
Turm – Nordansicht
Gotisches Spitzbogenportal
Spitzbogenportal
Jahreszahlen am Triumphbogen
Jahreszahlen der Umbauten am Triumphbogen

Fresken, Altäre, Fenster

Innenraum von St. Leonhard mit Hochaltar und Seitenaltären
Blick auf Hochaltar und Seitenaltäre

Die Fresken von Josef Schmutzer

Fresken und Altarbilder von 1802 schuf der Innsbrucker Maler Josef Schmutzer d. J. (1749–1808), anfangs Gehilfe von Josef Adam Mölk. 1784 hatte er bereits in St. Jodok gearbeitet. Seine Werke stehen am Übergang vom Barock zum Klassizismus. 1901 übermalte sie Raphael Thaler; bei der Renovierung 1989 wurden sie wieder freigelegt.

Deckenfresko im Chor
Chor: Aufnahme des Hl. Leonhard in den Himmel
Deckenfresko im Langhaus
Langhaus: Leonhard steht der Königin bei der Niederkunft im Wald von Limoges bei
Evangelist Lukas
Lukas
Evangelist Markus
Markus
Evangelist Matthäus
Matthäus
Evangelist Johannes
Johannes
Kirchenvater Ambrosius
Ambrosius
Kirchenvater Augustinus
Augustinus
Kirchenvater Gregor der Große
Gregor
Kirchenvater Hieronymus
Hieronymus

Medaillons: im Chor die vier Evangelisten, im Langhaus die vier abendländischen Kirchenväter.

Altäre

Das Hochaltarbild zeigt den Kirchenpatron mit einem weiteren Bischof unterhalb der Gottesmutter mit dem Kind, Gottvater und dem Heiligen Geist. Bis etwa 1970 standen am Hochaltar zwei spätgotische Figuren der Heiligen Nikolaus und Hedwig. Sie stammen aus der ehemaligen 14-Nothelfer-Kapelle („Kotshut-Kapelle“) in Gries, aus der Kurat Franz Muigg sie um 1840 nach Vinaders brachte; heute werden sie aus Sicherheitsgründen außerhalb verwahrt.

Die ursprünglichen Seitenaltarblätter von Franz Knoller, dem Vater des Barockmalers Martin Knoller, wurden 1854 ersetzt. Die neuen malte Georg Mader (1824–1881), Stiefbruder des Kuraten Muigg, der ihm die Ausbildung in Innsbruck, München und Speyer ermöglichte. Mader gilt neben Franz Plattner als Wegbereiter des Nazarenerstils in Tirol: links der Tod des Hl. Josef, rechts die Himmelfahrt Mariens.

Hochaltarbild
Hochaltarbild
Figuren Hl. Hedwig und Hl. Nikolaus
Hl. Hedwig und Hl. Nikolaus
Linker Seitenaltar: Tod des Hl. Josef
Tod des Hl. Josef (G. Mader)
Rechter Seitenaltar: Himmelfahrt Mariens
Himmelfahrt Mariens (G. Mader)

Die Glasfenster von 1910

1861 gründete Mader mit dem Glasmaler Albert Neuhauser und dem Architekten Josef von Stadl die „Innsbrucker Glasmalerei“. Aus ihrer Werkstatt stammen die acht Fenster: im Chor Maria, Josef und deren Eltern Anna und Joachim, im Langhaus Aloisius von Gonzaga, Isidor, Maria Magdalena und Notburga von Eben.

Fenster Maria
Maria
Fenster Josef
Josef
Fenster Anna
Anna
Fenster Joachim
Joachim
Fenster Aloisius von Gonzaga
Aloisius
Fenster Isidor
Isidor
Fenster Maria Magdalena
Magdalena
Fenster Notburga
Notburga

Friedhof

Der Friedhof besteht seit der Gründung der Kirche und ist bis heute der Ortsfriedhof der ganzen Gemeinde Gries – der Hauptort hat aus historischen Gründen keinen eigenen. Erweitert wurde er 1692, 1802 und 1960. Seine prägenden Arkadenkapellen erhielt er 1849–1853; die Bilder malte 1853 Anton Krömer aus Zirl, die Bildhauerarbeiten stammen vom Grödner Josef Runggaldier.

Arkadenkapellen im Friedhof
Kapellen im Friedhof
Christus am Ölberg
Christus am Ölberg (Krömer/Runggaldier)

Widum

Das erste Widum entstand mit der Stiftung des Kaplans 1498, etwas nördlich des heutigen Gebäudes und über eine kleine Brücke mit dem Friedhof verbunden. Als es baufällig war, wurde es 1759 abgerissen – und mit ihm leider die Gertraudkapelle mit Krypta aus der Gründungszeit. Bis 1761 entstand das heute noch bestehende Widum.

Kirche und Widum um 1950
Kirche und Widum um 1950
Bauplan des Widums 1759
Plan für den Neubau 1759
Filialkirche

St. Jakob in Nößlach

Der Ursprung liegt im Dunkeln. Ritter Peter Trautson aus dem Matreier Ministerialengeschlecht soll die Kapelle 1305 anlässlich seiner Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela gestiftet haben. Ein Beleg fehlt, doch der Bezug der Trautson zu Nößlach (Urkunde von 1291), Patronat, Baustil und Mauerwerk machen eine Entstehung um 1300 realistisch. Sicher nachgewiesen ist die Kirche durch einen Ablassbrief von 1426.

1494 erhielt sie den spätgotischen Flügelaltar, der bis heute erhalten ist. Bei der Renovierung 1661 unter Kurat Friedrich Weiss wurden der Boden abgesenkt, die Fenster vergrößert, die Flachdecke durch eine Tonnendecke ersetzt und die Vorhalle angebaut. Unter Joseph II. wurde St. Jakob 1786 aufgehoben und 1790 – nach Rücknahme der Reformen – wieder geöffnet, samt Einrichtung und Paramenten.

Das Bauwerk

Der spätromanische Bau mit unverputztem Mauerwerk, rechteckigem Chor mit spätgotischem Kreuzrippengewölbe und massigem Nordturm mit Satteldach ist weitgehend unverfälscht erhalten. Tonnendecke, Vorhalle und vergrößerte Fenster sind spätere, „zwar gut gemeinte, aus heutiger Sicht aber missglückte“ Eingriffe.

Der Patron

Jakobus d. Ä., Sohn des Zebedäus und Bruder des Johannes, war mit Petrus und Johannes bei der Verklärung und in Getsemani dabei. Um 43 n. Chr. wurde er als erster der zwölf Apostel hingerichtet. Sein Grab in Santiago de Compostela wurde im Mittelalter eines der bedeutendsten Wallfahrtsziele; daher gilt er als Patron der Pilger, dargestellt mit Hut und Pilgerstab. Gedenktag: 25. Juli.

Der Flügelaltar von 1494

Das Prunkstück der Kirche. Die Flügelinnenseiten zeigen links den Disput mit dem Irrlehrer Hermogenes und die Enthauptung des Hl. Jakobus d. Ä., rechts Predigt und Tod des Hl. Jakobus d. J.; die Außenseiten die Verkündigung. Die Bilder werden Ludwig Konraiter zugeschrieben, 1472–1507 Hofmaler in Innsbruck. Im Schrein flankieren die beiden Jakobus-Figuren Maria mit dem Kind; in der Predella zeigt ein Relief die Geburt Christi.

Dazu kommen ein ehemaliger Flügelaltar in bäuerlicher Malerei (um 1580/1600), Empore (1709) und Kanzel (1725) einheimischer Handwerker, die Kreuzwegstationen von Vinzenz Riedmüller (1828) und zwei Darstellungen des „Heiligen Wandels“. Ein besonderes Klangdenkmal ist die einmanualige Orgel des Grieser Orgelbauers Anton Fuchs (um 1750): ursprünglich für Vill gebaut, 1850 angekauft und eines der wenigen unverändert erhaltenen Werke der Familie Fuchs.

Flügelaltar geöffnet
Flügelaltar, geöffnet
Flügelaltar geschlossen: Verkündigung
Geschlossen: Verkündigung
Seitenaltar St. Jakob
Seitenaltar, um 1580/1600
Fuchs-Orgel
Fuchs-Orgel, um 1750

Zeitleiste

  1. 1313VinadersInntaler Steuerbuch nennt einen „mesner ab dem nidern perge“
  2. um 1300NößlachEntstehung von St. Jakob; Überlieferung: Stiftung durch Peter Trautson 1305
  3. 1325VinadersErste namentliche Nennung der Kirche
  4. 1339VinadersAblassurkunde aus Rom, 12. März
  5. 1382VinadersÄlteste Gottesdienstordnung
  6. 1426NößlachAblassbrief – erster sicherer Nachweis von St. Jakob
  7. 1489/90VinadersGotischer Umbau; Altarweihe am 14. August 1490
  8. 1494NößlachSpätgotischer Flügelaltar
  9. 1497/98VinadersStiftung König Maximilians I., Stiftbrief für den Kaplan
  10. 1582VinadersBeginn der Matrikenbücher
  11. 1661NößlachUmbau: Tonnendecke, größere Fenster, Vorhalle
  12. 1730VinadersBarockaltar ersetzt den gotischen Altar
  13. 1757VinadersObernberg wird eigene Kuratie
  14. 1759–1761VinadersNeues Widum; Gertraudkapelle abgerissen
  15. 1786–1790NößlachAufhebung unter Joseph II. und Wiedereröffnung
  16. 1802VinadersÜberstürzter Umbau, Fresken von Josef Schmutzer
  17. 1849–1853VinadersArkadenkapellen im Friedhof
  18. 1854VinadersNeue Seitenaltarblätter von Georg Mader
  19. 1910VinadersGlasfenster der Innsbrucker Glasmalerei
  20. 1941VinadersGries wird als eigene Pfarre abgetrennt
  21. 1989VinadersRenovierung, Freilegung der Fresken

Kleines Glossar

Predella
Sockel, der den eigentlichen Altaraufsatz trägt.
Heiliger Wandel
Bildmotiv, besonders der Gegenreformation, das die Heilige Familie als Gehende darstellt.
Trautson
Adelsgeschlecht mit Stammsitz auf Burg Sprechenstein bei Sterzing, später eine der mächtigsten Familien der Habsburgermonarchie.
Ludwig Konraiter
Hofmaler in Innsbruck (1472–1507); typisch sind Rot, Grün und Weiß, weite Landschaftsausblicke und harte Knitterfalten.
Fuchs
Lehrer-, Organisten- und Orgelbauerfamilie aus Gries; Begründer der Wipptaler Orgelbautradition.
Die vollständige Chronik als PDF
Geschichte der Kirchen in der Gemeinde Gries · 27 Seiten · 1,66 MB
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Texte und Abbildungen: © Dr. Gerhard Larcher. Für die Webseite gekürzt und gegliedert; maßgeblich ist die vollständige Fassung im PDF.

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