Vier Kirchen, eine Gemeinde
Von der mittelalterlichen Kuratie St. Leonhard in Vinaders bis zur eigenständigen Pfarre Maria Heimsuchung: sieben Jahrhunderte Kirchengeschichte im obersten Wipptal – nach der Chronik von Dr. Gerhard Larcher.
Die Kirchen auf einen Blick
Wie die Pfarren entstanden
Urpfarre des Gebietes war Matrei: Sie reichte über das nördliche Wipptal bis zum Venner Bach und umfasste auch das Stubaital. Besiedelt wurde unsere Gegend – wie die meisten Hochgebirgstäler am Brenner – im 12. und 13. Jahrhundert. In dieser Zeit dürfte auch die Kirche in Vinaders entstanden sein.
Ihr Seelsorgegebiet reichte von Stafflach bis zum Brennersee und umfasste das ganze Obernbergtal – ungefähr die heutigen Gemeinden Gries und Obernberg. Die Kirche stand dort, wo sich die Wege aus Obernberg, Gries und Nößlach treffen: im Herzen ihres Sprengels. Betreut wurde sie von „Gesellpriestern“ aus Matrei, die laut der ältesten Gottesdienstordnung von 1382 an zwei Sonntagen in Vinaders und am dritten in Obernberg die Messe lasen.
Im Lauf der Jahrhunderte wurde das große Gebiet Stück für Stück geteilt. Am Ende stehen in der kleinen Gemeinde Gries am Brenner vier Pfarreien: St. Leonhard in Vinaders, St. Nikolaus in Obernberg, Maria Heimsuchung in Gries und – mit dem österreichischen Anteil – St. Valentin am Brenner.



Vinaders und Gries
Mit dem wachsenden Waren- und Personenverkehr entstand im 15. und 16. Jahrhundert entlang der Brennerstraße eine neue Siedlung. Die Grieser lebten meist vom Transportgewerbe und betrieben Landwirtschaft nur im Nebenerwerb. 1634 ließ der Wirt Martin Müller neben seinem Gasthaus „am Gryes“ auf eigene Kosten eine kleine Kirche errichten. Sie lag für viele näher als Vinaders, fand regen Zuspruch und musste schon 1676 erweitert werden.
In Vinaders fürchtete man die Verlegung des Kuratiesitzes nach Gries. Es folgten Jahrzehnte voller Streit, die erst 1793 mit dem Benefizium in Gries zur Ruhe kamen. Als 1802 der neue Kurat Josef Fidelis Kathrein unbedacht meinte, Gries passe eigentlich besser als Sitz der Kuratie, beschloss man in Vinaders binnen weniger Tage, die eigene Kirche zu vergrößern – ohne Genehmigung und ohne Plan.
1941 wurde Gries schließlich als selbständige Pfarre von Vinaders getrennt. Die Spannungen zwischen den Ortsteilen sind, so der Chronist, bis heute spürbar.
Zeitleiste
- 1287LuegZoll am Lueg erstmals erwähnt
- um 1300NößlachEntstehung von St. Jakob; der Überlieferung nach 1305 von Ritter Peter Trautson gestiftet
- 1325VinadersErste namentliche Nennung der Kirche St. Leonhard
- 1339VinadersAblassurkunde aus Rom, 12. März
- 1382VinadersÄlteste Gottesdienstordnung: Gesellpriester aus Matrei
- 1426NößlachAblassbrief – erster sicherer Nachweis von St. Jakob
- 1449LuegHerzog Sigmund stiftet einen eigenen Kaplan für Lueg
- 1489/90VinadersGotischer Umbau, Altarweihe am 14. August 1490
- 1494NößlachSpätgotischer Flügelaltar für St. Jakob
- 1497VinadersStiftung König Maximilians I. für einen eigenen Priester
- 1582VinadersBeginn der Matrikenbücher
- 1634/35GriesWirt Martin Müller baut die erste Kirche in Gries; Weihe 1635
- 1641LuegLueg wird eigene Kuratie
- 1676GriesErweiterung der Grieser Kirche
- 1684LuegBarockisierung; Gründung der Jesus-Maria-Joseph-Bruderschaft
- 1757VinadersObernberg trennt sich als eigene Kuratie von Vinaders
- 1761VinadersNeues Widum fertig; Gertraudkapelle abgerissen
- 1786–1790NößlachSt. Jakob unter Joseph II. aufgehoben und wieder geöffnet
- 1793GriesBenefizium: ein ständiger Geistlicher für Gries
- 1802VinadersÜberstürzter Umbau und Verlängerung von St. Leonhard
- 1811LuegAufhebung der Kuratie Lueg durch die bayerische Regierung
- 1823–1831GriesNeubau von Maria Heimsuchung, Weihe am 10. April 1831
- 1841GriesNeue Glocken in Gries – und, im Wettstreit, in Vinaders
- 1920GriesNeue Staatsgrenze: Teil der Pfarre Brenner kommt zur Gemeinde Gries
- 1941GriesGries wird selbständige Pfarre
- 1989VinadersRenovierung, Freilegung der Schmutzer-Fresken
- 1990LuegVerein „Rettet die Kirche am Lueg“ übernimmt die Kapelle
- 2008GriesNeue Orgel von Pirchner im historischen Gehäuse
Die Mutterkirche des Tales mit Fresken von Josef Schmutzer, dem Ortsfriedhof der Gemeinde und der Filialkirche St. Jakob mit ihrem gotischen Flügelaltar von 1494 – ausführlich auf der Geschichtsseite der Pfarre Vinaders.
Zur Geschichte von Vinaders →Die Kirche Maria Heimsuchung
An der Stelle der heutigen Pfarrkirche errichtete 1634 Martin Müller, Wirt des Gasthauses „am Gryes“ (später Weißes Rössl), eine kleine Kirche zu Maria Heimsuchung. Sie wurde 1635 geweiht und schon 1676 erweitert. Eine Stiftung der Gebrüder Offer und der Katharina Stoffarini aus Sterzing brachte 1793 den lang ersehnten ständigen Geistlichen – blieb nur noch der Wunsch nach einer größeren Kirche.
Dass sie zustande kam, ist laut der Chronik von Kurat Franz Muigg dem Handelsmann Josef Offer und dem Wirt Johann Nagele zu verdanken. Im September 1823 schilderten sie im Wirtshaus der von einer Wallfahrt heimkehrenden Maria Staud den Neubau so glühend, dass sie sofort 1000 Gulden versprach – wenn nur noch im Herbst begonnen würde.
Am 12. Oktober 1823 begann man – „mehr mit Optimismus und Gottvertrauen als mit Geldmitteln“ – Steine zu brechen. Als die Vinaderer den Bausand verweigerten, schwemmte in der Nacht auf den 16. Oktober ein Unwetter so viel Sand an, dass er für den ganzen Bau reichte.
Vom Grundstein zur Weihe
- 1824Grundstein zum Presbyterium
- 1825Abriss der alten Kirche, Bau des Langhauses
- 1826–1830Turm, Innenputz und Fresken, Außenputz
- 10. April 1831Weihe durch Fürstbischof Bernhard Galura am Weißen Sonntag
Gesammelte Spenden
In Geld, Naturalien und Arbeit „bettelte“ man in Nah und Fern zusammen, was der Bau brauchte. Auch kleine Spender gaben zum Teil ihr Letztes.
| Familie Offer | ca. 4000 Gulden |
| Wirtsfamilie Nagele | 2000 Gulden |
| Maria Staud, Obernberger Leite | 1000 Gulden |
| Beneficiat Wenger · Kurat Prantl · Familie Steger | je 1000 Gulden |
| die Kaiserin | 200 Gulden |
| Kaiserjäger Anton Penz – sein gesamtes Erbteil | 133 Gulden |
Das Bauwerk
Die Grundkonzeption geht auf den Pfitscher Kuraten Jakob Prantl (1772–1856) zurück, den letzten der Tiroler „geistlichen Baudirektoren“: Er „baute groß und billig, fand gute Planer und tüchtige Maurermeister“. Den Plan zeichnete der Grieser Tischler und Orgelbauer Josef Reinisch nach dem Vorbild der Johanneskirche in Imst.
Trotz der späten Bauzeit ist die Kirche ein typischer Vertreter des Tiroler Spätbarock: gleich breite Vorhalle und Langhaus, ein schmälerer, achteckig schließender Chor, mächtige Flachkuppeln und ein Turm mit barocker Zwiebelhaube. Helligkeit bringen je zwei Rundbogenfenster im Chor und je drei Fenster mit Oculus im Langhaus.
Innenausstattung – Klassizismus in seltener Reinheit
Im Gegensatz zum spätbarocken Raum ist das Innere in Tirol fast einzigartig stilrein klassizistisch ausgestattet. Fresken, die drei Altarblätter, Kreuzweg und Kreuzigungsszene schuf Josef Arnold (1788–1879), der bedeutendste Freskomaler Tirols seiner Zeit: in der Vorhalle die Verkündigung, im Langhaus die Darbringung im Tempel, im Chor die Geburt Christi.
Die Plastiken stammen aus Imster Werkstätten: Gottlieb Klotz d. Ä. schuf die Hochaltarfiguren Petrus und Paulus und die vergoldeten Kanzelreliefs, Josef Nikolaus Seelos die Seitenaltarreliefs und König David auf der Orgel. Stufen, Bodenplatten und Weihwasserbecken sind aus Marmor vom Obernberger Tribulaun – demselben Stein wie in der Innsbrucker Hofkirche.








Die besondere Bedeutung der Kirche liegt darin, dass sie ein seltenes Beispiel einer stilreinen Kirche ist – samt Ausstattung unversehrt aus der Bauzeit erhalten.
Die Kirche St. Christoph und Sigmund
Ihre Geschichte ist die des landesfürstlichen Zolls. In der Talenge von Lueg – althochdeutsch für Höhle, Loch, Talenge – bestanden seit dem 13. Jahrhundert eine Höhlenburg und eine Zollstätte. Der 1287 erstmals erwähnte Zoll brachte den größten Ertrag aller Zollstätten Tirols.
1449 stiftete Herzog Sigmund der Münzreiche für die Kapelle, die sein Vater Friedrich „mit der leeren Tasche“ hatte bauen lassen, einen eigenen Kaplan. Lueg war damit die erste Kirche im Gebiet der Urpfarre Matrei mit eigenem Priester. Die Kaplanei – 1641 zur Kuratie erhoben – versorgte nur das Zollpersonal: rund 40 Gläubige, eine kleine Insel inmitten der Kuratie Vinaders.
Der Zoll stattete die Kirche so großzügig aus, dass Visitatoren meinten, manche Kelche und Messkleider würden „auch einer Domkirche zur Zierde gereichen“. 1809 brannten französische Truppen die Zollgebäude nieder, 1811 hob die bayerische Regierung die Kuratie auf. 1990 übergab die Familie Steiner die Kapelle dem Verein „Rettet die Kirche am Lueg“, der sie mustergültig restaurierte.
Patrone und Ausstattung
Christophorus, einer der 14 Nothelfer und Patron der Reisenden, passt zur Lage am Verkehrsweg; Sigismund, der Burgunderkönig, wurde in Tirol besonders von Herzog Friedrich und seinem Sohn Sigmund verehrt.
Prunkstück ist der frühbarocke Hochaltar von 1684/86, dem Paznauner Bildhauer Andreas Thamasch zugeschrieben. Das Altarblatt (um 1700, Umkreis Kaspar Waldmann) zeigt die thronende Muttergottes, zu der die beiden Patrone aufblicken. Am linken Seitenaltar die 14 Nothelfer, am rechten Maria mit Anna und Joachim von Franz Sebald Unterberger (1743). Aus der Gotik blieb ein Altarflügel mit den Patronen und dem Erzengel Gabriel.




Epitaphe der Zöllner
Besonders bemerkenswert sind die Epitaphe und Grabsteine der hier bestatteten Zöllner aus den Jahren 1543 bis 1783. Das älteste – für den Lueger Wirt Jakob Leitner, 1543 – zeigt die Auferweckung des Lazarus und stammt ursprünglich aus der Totenkapelle in Vinaders. Das Epitaph des Zöllners Michael Göttl (1570) von Wolfgang Polhammer stellt Sündenfall und Kreuzigung nebeneinander.


Die Bruderschaft
Seit 1684 bestand in Lueg die „Jesus, Maria und Joseph-Bruderschaft“, gegründet vom Zöllner Hans Jakob Payr. Durch die Lage am Brennerweg wuchsen Mitgliederzahl und Vermögen rasch. 1783 wurde sie – wie alle Bruderschaften in Österreich – unter Joseph II. aufgelöst; ihr Vermögen ging je zur Hälfte an den Schulfonds und den Armenfonds.

Daten, Fakten, Glossar
- Barock
- Kunstepoche etwa 1600–1770: ausdrucksvoll, bewegt, gefühlsbetont, oft mit üppiger Prachtentfaltung.
- Klassizismus
- Kunstepoche etwa 1770–1840 mit Rückgriff auf antike griechische und römische Vorbilder.
- Maria Heimsuchung
- Der im Lukasevangelium geschilderte Besuch Marias bei ihrer Verwandten Elisabeth; im 17. Jahrhundert sehr beliebtes Patronat.
- Benefizium
- Rechtlich selbständiges kirchliches Vermögen, meist aus Stiftungen, aus dem Priester, Mesner oder Organist besoldet werden.
- Predella
- Sockel, der den eigentlichen Altaraufsatz trägt.
- Heiliger Wandel
- Bildmotiv, besonders der Gegenreformation, das die Heilige Familie als Gehende darstellt.
- Trautson
- Adelsgeschlecht mit Stammsitz auf Burg Sprechenstein bei Sterzing, später eine der mächtigsten Familien der Habsburgermonarchie.
- Ludwig Konraiter
- Hofmaler in Innsbruck (1472–1507); typisch sind Rot, Grün und Weiß, weite Landschaften und harte Knitterfalten.
- Fuchs
- Lehrer-, Organisten- und Orgelbauerfamilie aus Gries; Begründer der Wipptaler Orgelbautradition.
- Josef Arnold d. Ä.
- Tiroler Maler des Klassizismus aus Stans bei Schwaz (1788–1879).
- Bruderschaften
- Kirchlich anerkannte Vereine für Frömmigkeit und Nächstenliebe; Mitglieder erhielten einen Bruderschaftszettel.
- Epitaph
- Künstlerisch gestaltete Gedenktafel mit Inschrift für einen Verstorbenen.
- 14 Nothelfer
- Vierzehn Heilige des 2. bis 4. Jahrhunderts – drei Frauen, elf Männer –, die als Schutzpatrone angerufen werden.
- Empore
- Erhöhte Galerie, die mit einer Langseite zum Kirchenraum hin geöffnet ist.
- Lisene
- Schmale, leicht hervortretende senkrechte Wandverstärkung zur Gliederung einer Fassade.
- Votant
- Person, die aufgrund eines Gelübdes ein Votiv – etwa ein Votivbild – stiftet.
Texte und Abbildungen: © Dr. Gerhard Larcher. Für die Webseite gekürzt und gegliedert; maßgeblich ist die vollständige Fassung im PDF.
Geschichte im Seelsorgeraum
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