Manche Texte aus dem Alten Testament hinterlassen beim Lesen einen bitteren Beigeschmack. Es entsteht in ihnen leicht das Bild eines strafenden Gottes, der manche Menschen einfach auslöscht. Dekan Gabriel rief uns in der ersten Andacht als Einstimmung auf den Sommer ein bekanntes Beispiel für einen solchen Text in Erinnerung, jenen von der Arche Noah. Am Ende der Geschichte gehen die acht überlebenden Menschen von Bord der Arche, und Gott verspricht, nie wieder eine Flut zu senden und schließt einen Bund mit den Menschen. So weit so gut; doch sicher haben sich viele von uns oft gefragt: wie konnte Gott alle anderen Menschen so einfach in der Sintflut umkommen lassen? Erscheint das nicht kaltblütig und unvereinbar mit dem Bild eines liebenden Gottes? Im Hinterkopf formt sich klammheimlich ein unbequemer Gedanke: was, wenn ich einer dieser Menschen gewesen wäre? Die Wahrscheinlichkeit, an Bord der Arche zu gelangen, war schließlich rein rechnerisch deutlich geringer als 50:50. Hätte Gott mich einfach in den Fluten umkommen lassen und mich dann vergessen?
Wie so vieles in der Bibel, ist die Erzählung von der Arche Noah keine historische Begebenheit, sondern steht sinnbildlich für eine andere, versteckte Botschaft: es geht darin eigentlich um die Beziehung der Menschen zu Gott. Nach der Vertreibung aus dem Paradies, welche die Menschen selbst verursacht haben, indem sie sich von Gott abwandten, ist die Menschheit an einem Punkt angelangt, an dem das Böse überhandgenommen hat. Der Großteil der Menschen hat sich sozusagen selbst ins Aus befördert und die Sintflut über sich gebracht, hat also nach der Erbsünde durch das Böse seinen eigenen Untergang herbeigeführt und ist verloren, wie in einem Gefängnis. Denn nicht Gott hat den Untergang der Menschheit verursacht, sondern die Menschen selbst – ein Muster, das sich wiederholt, wie man leicht feststellen kann, wenn man nur an die beiden Weltkriege und all die aktuellen Konflikte denkt, bei denen die Menschen all ihre Energie darauf konzentrier(t)en, möglichst viele Mitmenschen möglichst schnell in den Tod zu reißen. Nur wenige Menschen überleben diese Sintflut in der Geschichte, wobei die Zahl 8 hier wohl ebenfalls symbolisch zu verstehen ist für eine Handvoll Menschen – jene, die Gott treu geblieben sind. Und Gott schließt einen Bund mit diesen wenigen Überlebenden, aus denen nun die Menschheit neu hervorgehen soll: er gibt sein Versprechen, dass er die Menschen ab jetzt in ständiger Verbundenheit unterstützen und ihnen nahe sein wird, da es offensichtlich keine gute Idee war, sie zu sehr sich selbst zu überlassen. Als Zeichen dieses Bundes sendet Gott einen Regenbogen.
Ende gut, alles gut? Nicht so ganz, denn was ist nun wirklich mit denen, die sich von Gott abgewandt, dem Bösen verschrieben und es nicht auf die Arche geschafft haben? Wurden sie wirklich einfach ausgelöscht, gleichsam ein vernachlässigbarer Kollateralschaden auf dem Weg zur Rettung der Menschheit? Einen Hinweis gibt uns der Brief des Apostels Petrus, in dem beschrieben wird, dass Gott Jesus gesandt hat, um genau diese Menschen aus ihrem Gefängnis zu befreien. Es heißt dort, dass auch Christus der Sünde wegen gestorben ist, ein Gerechter für Ungerechte, damit er die Menschen zu Gott hinführe. Er konnte durch seinen Tod auch zu jenen Geistern gelangen, die im Gefängnis waren, weil sie in den Tagen Noahs, während die Arche gebaut wurde, ungehorsam geworden waren. Diese Geister sind also noch da – aber gefangen in ihrem Versagen, in ihrer Zerstörung der Menschheit. Gott gedenkt ihrer, er hat sie nicht ausgelöscht. Vielmehr noch, er hat Jesus zu diesen Seelen gesandt, um ihnen die Möglichkeit der Erlösung zu verkünden. Im Evangelium können wir diese Spur weiter verfolgen, als Jesus nach Galiläa geht und verkündet: „Die Zeit ist erfüllt, eure Gefangenschaft dort ist vorbei, das Reich Gottes ist nahe, kehrt um und glaubt all diese Gute Nachricht!“ Denn auch wenn diese Menschen ihr Unglück selbst verursacht haben mögen und wir Menschen vielleicht sagen würden: Sie sind selbst schuld, sie haben sich die Tür selbst verschlossen! – Gott verzeiht ihnen und vergisst sie nicht, und die Entscheidung, den Weg zur Erlösung einzuschlagen, lässt er ihnen stets offen. Für Gott gibt es keine verschlossenen Türen und keine verschlossenen Wege.
Ein Text aus einem jüdischen Midrasch, einer Auslegung der Heiligen Schrift, gibt weiters darüber Aufschluss, wie Gott zum Auslöschen von Menschen steht. Dieser Text zieht eine Parallele zum ebenfalls Alttestamentarischen Text über den Auszug aus Ägypten, wo das Rote Meer die Ägypter fortspült. Die Szene beschreibt die Situation, in der Himmel und Erde jubeln, weil den Israeliten der Auszug gelungen ist und die Ägypter tot sind. Ein Engel im Himmel sieht jedoch, dass Gott weint, und fragt ihn verständnislos, warum – der Sieg ist doch errungen, der Feind tot. Und Gott antwortet weinend: „Aber meine Kinder sind in den Fluten umgekommen!“
Gott vergisst kein einziges seiner Kinder. Nicht nur das; jedes einzelne, das sich von ihm abwendet und sich so selbst der Sintflut ausliefert, lässt ihn vor Trauer weinen. Die Wahrheit ist, dass jene, die nicht auf der Arche waren, nicht ausgelöscht wurden – sie sind immer noch da draußen. Es sind jene Kinder Gottes, die vom rechten Weg abgekommen und jetzt verloren sind – wie in einem Gefängnis, so, als wären sie tot. Aber Gott hat sie keinesfalls vergessen. Wie könnte Er? Ganz im Gegenteil, er hat alles unternommen und unternimmt immer noch alles, um jedes einzelne von ihnen zu retten. Er hat für sie, für uns, das Größte getan – er hat sein Leben geopfert. Denn kein lebender Mensch kann in die Unterwelt hinabsteigen zu den verlorenen Seelen. Also hat Gott seinen Sohn gesandt, und Jesus ist gestorben und in die Unterwelt hinabgestiegen, um ihnen, uns, den Ausweg aus diesem Gefängnis zu zeigen, die Frohe Botschaft, den Weg zu Erlösung, Auferstehung und ewigem Leben.
Die Arche ist keine historische Begebenheit. Sie ist auch keine Vergangenheit. Sie ist Gegenwart. Und Zukunft. Die Arche, das ist unser Glaube, und es ist unsere Entscheidung, ob wir uns bemühen wollen, an Bord zu kommen. Wir müssen nur in das Schiff des Glaubens einsteigen – und Gott wird uns retten. Und nichts freut Gott mehr, als wenn wir uns aus freien Stücken entscheiden, an Bord seiner Arche zu kommen, denn für jeden von uns hat er dort bereits einen bestimmten Platz vorgesehen. Gott zwingt niemanden in den Himmel. Aber er sucht jeden einzelnen von uns, so lange, bis er ihn findet – und er gibt niemanden auf. Niemals.
Diese wunderbare Kombination aus einer unglaublich Trost spendenden Botschaft, welche unerwartet die brennenden Fragen, die man sich schon sehr lange beim Lesen von Bibeltexten gestellt hat, derartig einleuchtend beantwortet, mit besinnlicher Musik, wie diesmal vom OK-Chörli, und anschließender Agape zum Genießen von Gemeinschaft und Köstlichkeiten, wie diesmal wundervoll von der Pfarre St. Jodok vorbereitet, ist einfach jedes Mal wieder aufs äußerste sehens-, hörens- und erlebenswert. Vielen Dank dafür an unseren Dekan Gabriel, der wie selbstverständlich und ohne viel Aufhebens immer wieder so wunderbare Botschaften aus dem Ärmel zaubert und diese so ansprechend für alle Sinne für uns aufbereitet – in Wirklichkeit natürlich ganz und gar keine Selbstverständlichkeit, was wir zutiefst zu schätzen wissen.
(Text: Stefanie Strickner, Fotos: Gerhard Gratl, Stefanie Strickner)







