In einem Streifzug durch die Evangelien hörten wir entlang des Weges der Versöhnung in der Fastenzeit heuer an sechs Abenden sechs verschiedene Bibelstellen mit Begebenheiten rund um den Apostel Simon Petrus.
Im Lukasevangelium wird die erste Begegnung zwischen Jesus und Simon, dem einfachen Fischer aus Kafarnaum, beschrieben. Jesus kehrt ausgerechnet in Simons Haus als Gast ein, heilt auf Simons Bitte hin dessen kranke Schwiegermutter und bewahrt ihn so vor der Blamage, seinen bedeutenden Gast nicht angemessen beherbergen zu können. Simon wird Zeuge noch weiterer Heilungen, sieht sich jedoch noch keineswegs veranlasst, Jesus, den charismatischen Prediger und Heiler, als den lange erwarteten Messias zu erkennen und ihm nachzufolgen. Erst als Jesus ihn wieder aufsucht und ihn zu einer Zeit und an einem Ort des Sees Genezareth, an dem kein Fischer je etwas gefangen hat, zum größten Fischfang seines Lebens verhilft, erkennt Simon das Offensichtliche. - Wer ist Jesus für mich? Ein charismatischer Prediger? (M)ein kurzfristiger Problemlöser? Mein …?
Das Matthäusevangelium erzählt, wie Jesus sich den Jüngern auf dem Wasser wandelnd in ihrem vom Sturm geplagten Boot nähert. Die Angst vor dem Sturm hat all die positiven Erlebnisse mit Jesus schnell in den Hintergrund treten lassen, sodass die beruhigenden Worte Jesu ihnen nicht reichen, sie brauchen Zeichen. Unsicher, ob es wirklich Jesus ist, der da auf dem Wasser wandelt, möchte Simon es Jesus gleichtun und bittet ihn, es ihm zu befehlen, was dieser auch tut. Solange Simon seinen Blick ausschließlich auf Jesus richtet, wandelt auch er kurzzeitig auf dem Wasser, doch dann bekommt er Angst, beginnt zu versinken, und Jesus rettet ihn auf seinen Hilferuf hin mit den Worten: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ – eine Frage, die unbeantwortet bleibt. Erst als Jesus mit ihm zu den anderen ins Boot steigt, legt sich der Sturm, und alle erkennen, dass es wirklich Jesus ist. – Welche Ängste lähmen mich, nehmen einen zu großen Stellenwert in meinem Leben ein? Aus welchen Ängsten brauche ich die rettende Hand Jesu? Wo stoße ich mit meinem Glauben an Grenzen und beginne zu (ver)zweifeln?
In einer weiteren Stelle aus dem Matthäusevangelium fragt Jesus die Jünger, wofür die Menschen ihn halten, und dann: „Und wofür haltet ihr mich?“ Simon antwortet schnell: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Daraufhin segnet Jesus ihn und bezeichnet ihn als Simon Petrus, den Fels, auf dem er seine Kirche erbauen und dem er die Schlüssel zum Himmelreich geben wird. Von diesem Lob Jesu beflügelt, nimmt er anschließend Jesus beiseite, um ihn für dessen weitere Worte zurechtzuweisen, Jesus werde leiden müssen, gekreuzigt und auferweckt werden: dies solle Gott verhüten! Innerhalb weniger Minuten nach der Erhebung Simons zum Petrus bezeichnet Jesus ihn daraufhin als Satan, der ihm ein Ärgernis ist, da dieser nicht im Sinn hat, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. – Bin ich bereit, mich immer wieder zu erden und mich zu fragen: Sind meine Pläne auch Gottes Pläne?
Schwerwiegend war für Petrus natürlich, was im Zuge des letzten Abendmahls und Jesu Auslieferung passierte, wie im Matthäusevangelium beschrieben. Jesus verkündet beim letzten Abendmahl, dass einer von ihnen ihn ausliefern wird. Während die anderen Jünger Angst haben, selbst zum Verräter zu werden, ist sich Petrus sicher: er wird es keinesfalls sein, nie würde er seinen Freund und Meister verraten. Jesus prophezeit ihm, dass Petrus ihn dreimal verleugnen wird, noch ehe der Hahn kräht. Petrus glaubt ihm nicht, doch als er es während des Verhörs vor dem Hohen Rat mit der Angst zu tun bekommt, sagt er dreimal, dass er Jesus nicht kenne – und erst, als der Hahn kräht, wird ihm bewusst, was er getan hat. – Habe ich Menschen verletzt, indem ich in schwierigen Momenten nicht zu ihnen gestanden bin? Habe ich Werte oder Ideale über Bord geworfen, um vor anderen besser dazustehen?
Als Maria Magdalena Petrus und Johannes, wie im Johannesevangelium zu lesen ist, zu Jesu leerem Grab ruft, geht Petrus erst hinein, als Johannes ihm den Vortritt lässt, seinerseits eine Geste der Vergebung im Namen der Jünger. Sein Gewissen plagt Petrus wohl schwer, er hat Jesus mehrmals enttäuscht, ihn, wie von ihm vorhergesagt, verraten und war auch bei der Kreuzigung nicht dabei. Mit dieser neuen Situation des leeren Grabes weiß er in seiner Hoffnungslosigkeit nicht viel anzufangen. Johannes fällt es leichter, an das Wunder zu glauben, schließlich hat sich dieser nichts zuschulden kommen lassen. – Wen möchte ich um Verzeihung bitten, bevor es vielleicht zu spät ist? Wem bin ich Vergebung schuldig? Was kann ich beitragen, um jemanden in die Gemeinschaft der Familie oder der Kirche zurückzuholen?
All diese doch recht kniffligen Fragen konnte jede und jeder an den fünf Abenden in der Pfarrkirche Vinaders vor dem Allerheiligsten bei besinnlicher Klaviermusik und wohlriechendem Weihrauch für sich selbst zu beantworten versuchen.
Den Abschluss bildete der Abend der Barmherzigkeit in St. Jodok. Aus dem Johannesevangelium hörten wir, wie Jesus sich nach seiner Auferstehung den Jüngern wiederum am See Genezareth zeigt und ihnen nach einer erfolglosen Nacht erneut einen großen Fischfang beschert. Eigentlich müsste es für Petrus wie ein Déjà-vu gewesen sein, doch er begreift erst, dass es Jesus ist, als Johannes es ihm sagt. Als das Netz mit den 153 Fischen eingeholt ist, setzen sie sich zu Jesus ans Feuer. Dreimal fragt Jesus: „Petrus, liebst du mich?“, was dieser natürlich bejaht. Beim dritten Mal wird Petrus jedoch traurig, er denkt, Jesus zweifelt an seiner Liebe, weil er so oft versagt hat. Doch dann fällt ihm auf, dass Jesus bereits einen Fisch über dem Feuer gebraten hat – somit sind es 154 Fische, zweimal siebenundsiebzig, jene Zahl, die Jesus Petrus damals genannt hatte, als er ihn fragte, wie oft man einem Menschen vergeben muss. Und dann begreift er: ein stärkeres Zeichen der Vergebung als den Fisch hätte Jesus ihm, dem Fischer, nicht bereiten können. Und er hat ihn als Fels und Menschenfischer auserwählt, vor den Menschen zu stehen, nicht, weil er ein perfekter Vorzeigechrist ist, sondern mit seinem Bemühen und Scheitern und seiner großen Liebe zu Gott und als Mensch, der deshalb von Gott geliebt wird.
Hört man diese ausgewählten Bibelstellen so aneinandergereiht, wie sie Episoden des Strauchelns von Simon Petrus erzählen, so ist man leicht geneigt, sich zu denken: Wie kann man nur immer wieder so versagen? Fast bekommt man Mitleid mit Jesus, der sich mit diesem Apostel so abmüht, obwohl dieser so wirklich gar nichts hinzubekommen scheint. Er brüstet sich immer wieder mit seinen Taten, seiner Treue, seinem Glauben, scheitert jedoch in regelmäßigen Abständen kläglich – und Jesus verzeiht es ihm dennoch jedes Mal wieder aufs Neue. Von außen betrachtet ist es leicht, hier den Kopf zu schütteln und zu sagen: Wie kann man nur? Warum macht sich Jesus die Mühe? Warum hat er gerade diesen „Versager“ als seinen Nachfolger auserwählt?
Jedoch ist es wohl eher so, dass Petrus hier sinnbildlich für jede und jeden von uns steht. Wie sehr ähneln wir alle diesem Apostel vor 2000 Jahren? Ist ein Problem gelöst, kehren wir wieder unbekümmert zur Tagesordnung zurück. In den Stürmen des Lebens verlieren wir schnell das Vertrauen und vergessen all das Positive, das Jesus uns gegeben und für die Zukunft verheißen hat. Immer wieder schwören wir: Jesus, jetzt habe ich es verstanden, jetzt werde ich mich ändern – und bei der nächsten Gelegenheit merken wir, dass wir wieder in einer Sackgasse gelandet sind. Und – Jesus verzeiht es auch uns jedes Mal wieder und gibt uns eine neue Chance.
Jede und jeder von uns verhält sich immer wieder wie ein solcher Simon Petrus, über dessen Irrwege man nur den Kopf schütteln möchte. Wie schön, dass es das Sakrament der Versöhnung gibt, bei dem wir unsere wiederholten Fehltritte bekennen und uns für sie entschuldigen können. Denn genauso wie Jesus den vermeintlichen „Versager“ Simon Petrus trotz dessen Unvollkommenheit zu seinem Nachfolger bestimmt hat, so hat er auch jede und jeden von uns in seine Nachfolge berufen. Und solange wir nie aufhören, Jesus trotz unserer Fehler mehr lieben zu wollen als jeder andere, wird uns Jesus immer wieder eine neue Chance geben, auch wenn wir noch so kläglich versagt haben.
Denn im Buch Jeremia lesen wir: „Spruch des Herrn: Ich habe meine Weisung in ihre Mitte gegeben und werde sie auf ihr Herz schreiben. Ich werde ihnen Gott sein, und sie werden Mir Volk sein. Denn Ich vergebe ihre Schuld, an ihre Sünden denke Ich nicht mehr.“
(Text und Bilder: Stefanie Strickner)





